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ChirurgieQuellen am Ende7 Min

Bisphosphonate — die Abklärung vor Therapiebeginn

Schritt 1 · Lernziel

Was du danach erklären kannst

1Warum die Frage nach einer geplanten Antiresorptiva-Therapie in jede Anamnese gehört
2Worin sich das Risiko bei osteologischer und bei onkologischer Indikation unterscheidet
3Was zu einer Abklärung vor Therapiebeginn gehört
4Warum das Zeitfenster vor dem ersten Zyklus so wertvoll ist

Schritt 2 · Ausgangslage

Der Brief, der auf deinem Tisch landet

Überweisung

Eine 68-jährige Patientin bringt ein Schreiben ihrer Onkologin mit. Vor Beginn einer geplanten Therapie mit Zoledronat wird um zahnärztliche Abklärung und gegebenenfalls Sanierung gebeten. Die Patientin war zwei Jahre nicht beim Zahnarzt und trägt eine Oberkiefer-Teilprothese.

Solche Schreiben bekommst du im ersten Jahr regelmäßig, und sie sehen harmloser aus, als sie sind. Was du hier machst, entscheidet darüber, wie riskant die nächsten Jahre für diese Patientin werden.

Der springende Punkt

Alles, was du heute tust, ist gewöhnliche Zahnmedizin. Nach dem ersten Zyklus wird derselbe Eingriff zu einer Risikoabwägung mit möglichen Folgen, die Jahre bleiben.

Schritt 3 · Kernwissen

Warum ausgerechnet der Kiefer

Antiresorptiva hemmen die Osteoklasten und bremsen damit den Knochenumbau. Bei Osteoporose und bei Knochenmetastasen ist genau das erwünscht.

Der Kieferknochen ist dabei besonders exponiert: Er hat einen hohen Umbauumsatz, liegt nur unter dünner Mukosa und steht über den Parodontalspalt in dauerndem Kontakt mit der Mundflora.

Der Auslöser ist meist nicht das Medikament allein, sondern ein dentoalveolärer Eingriff oder ein schon bestehender entzündlicher Prozess.

  • Bisphosphonate oral, etwa Alendronat oder Risedronat
  • Bisphosphonate intravenös, etwa Zoledronat oder Pamidronat
  • Denosumab, ein RANKL-Antikörper
  • Antiangiogene Substanzen aus der Onkologie

Die deutsche Leitlinie fasst diese Gruppe unter Antiresorptiva-assoziierter Kiefernekrose zusammen, kurz AR-ONJ. International findest du dieselbe Entität als MRONJ.

Schritt 4 · Risiko einordnen

Osteoporose oder Onkologie — das ist die Frage

Bevor du irgendetwas planst, musst du wissen, warum das Medikament gegeben wird. Die beiden Indikationen liegen im Risiko weit auseinander.

Osteologisch2,5 %Prävalenz bei Extraktionen unter oraler Bisphosphonattherapie
Onkologisch12,4 %dieselbe Untersuchung, unter intravenöser Therapie

Zahlen nach Taylor et al. 2013, zitiert in der S3-Leitlinie AR-ONJ mit Evidenzgrad III. Für die orale Therapie errechnete eine schwedische Auswertung eine Inzidenz von rund einem Fall pro 1.445 Patiententherapiejahren (Ulmner et al. 2014).


  • Lange Therapiedauer und hohe kumulative Dosis
  • Begleitende Kortikosteroidtherapie
  • Diabetes mellitus und Rauchen
  • Unzureichende Mundhygiene und unbehandelte parodontale Entzündung
  • Druckstellen durch schlecht sitzenden Zahnersatz
  • Eine bereits durchgemachte Kiefernekrose

Schritt 5 · Die Abklärung

Was du dir ansiehst

Tipp die Punkte an, wenn du wissen willst, warum sie draufstehen.

Stumme Herde wie apikale Prozesse oder teilretinierte Zähne findest du klinisch nicht. Genau die werden später zum Problem.
Heute ist die Entfernung ein normaler Eingriff. Nach Therapiebeginn wird daraus eine Abwägung, die interdisziplinär abgestimmt gehört.
Entzündliche Prozesse gelten als Hauptauslöser einer Kiefernekrose. Die Leitlinie zielt deshalb ausdrücklich auf die Reduktion von Entzündungsherden vor Therapiebeginn.
Eine chronische Schleimhautläsion unter der Prothese ist eine Eintrittspforte. Bei dieser Patientin mit Teilprothese ist das kein Nebenschauplatz.
Die Betreuung endet nicht mit der Sanierung. Sie läuft über die gesamte Therapiedauer weiter, damit Patienten die Vorsorge überhaupt in Anspruch nehmen.
Die Leitlinie legt besonderen Wert auf die Kommunikation zwischen dem Verordnenden und dem, der die Prophylaxe führt. Ohne deine Rückmeldung fehlt der Onkologin die Grundlage für ihre Zeitplanung.

Schritt 6 · Das Zeitfenster

Wie viel Zeit du eigentlich hast

Das Positionspapier der AAOMS formuliert es deutlich: Wenn die Grunderkrankung es zulässt, soll der Beginn der antiresorptiven Therapie verschoben werden, bis der Zahnstatus saniert ist.

Wichtig

Ein festes Intervall in Tagen nennen die Leitlinien nicht. Maßgeblich ist die abgeschlossene Wundheilung, nicht ein Datum im Kalender.

Die Entscheidung über eine Verschiebung triffst nicht du. Sie liegt beim verordnenden Arzt. Deine Aufgabe ist es, Befund und geschätzten Zeitbedarf so zu übermitteln, dass er überhaupt entscheiden kann.

Schritt 7 · Selbstcheck

Drei Fragen

Eine Patientin soll wegen Osteoporose orales Alendronat bekommen. Wie ordnest du ihr Risiko gegenüber einer hochdosierten intravenösen Gabe bei Knochenmetastasen ein?

Richtig ist deutlich niedriger. Die in der Leitlinie zitierten Zahlen liegen um etwa den Faktor fünf auseinander. Niedriger heißt aber nicht null, die Abklärung vor Therapiebeginn ist auch bei osteologischer Indikation sinnvoll.

Welche Faktoren erhöhen das Risiko zusätzlich?

Kortikosteroide, entzündliche Prozesse und Druckstellen stehen alle drei in der Leitlinie. Eine kieferorthopädische Vorbehandlung spielt keine Rolle.

Der Patient hat den ersten Zyklus bereits erhalten, ein Zahn ist nicht erhaltungswürdig. Was ändert sich dadurch?

Weder ein Weiter-wie-bisher noch ein pauschales Verbot. Die Leitlinie sieht zahnärztliche Eingriffe auch unter laufender Therapie vor, aber nach individueller Risikoeinschätzung und unter besonderen Kautelen. Was im Einzelfall gilt, entscheidest du gemeinsam mit dem behandelnden Arzt.

Schritt 8 · Merksatz und Quellen

Das, was hängenbleiben soll

Vor dem ersten Zyklus ist die Extraktion Routine. Danach ist sie eine Entscheidung.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrosen (AR-ONJ)“, AWMF-Register-Nr. 007-091, Stand 12/2018. Federführung DGMKG, Koordination Grötz, Schiegnitz, Al-Nawas. Die Gültigkeit dieser Fassung ist abgelaufen, die Leitlinie befindet sich in Überarbeitung.
  • Ruggiero SL, Dodson TB, Aghaloo T et al. American Association of Oral and Maxillofacial Surgeons’ Position Paper on Medication-Related Osteonecrosis of the Jaws, 2022 Update. J Oral Maxillofac Surg 2022. DOI 10.1016/j.joms.2022.02.008
  • S3-Leitlinie „Zahnimplantate bei medikamentöser Behandlung mit Knochenantiresorptiva“, AWMF-Register-Nr. 083-026, für die implantologische Versorgung dieser Patienten.
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Die acht Schritte folgen immer denselben vier Bausteinen

LernzielWas du danach erklären kannst, bevor es losgeht.
KernwissenDer fachliche Teil, mit ausklappbaren Details.
SelbstcheckEin paar Fragen. Falsch liegen ist auch ein Ergebnis.
MerksatzEin Satz zum Mitnehmen, dazu die Quellen.

Warum Lektionen und kein Nachschlagewerk.

Fachwissen fehlt dir nicht. Es fehlt eine Form, in der du es abends um halb neun noch aufnehmen kannst.

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